Die Generation die niemanden an sich ran lässt, aber sich beschwert das niemand sie kennenlernen will.

Written by: Gast

Published on: Dezember 27, 2018

Es passiert so schnell, dass ich es manchmal gar nicht bewusst mitbekomme. Ein charmanter Typ hält mir die Tür in einem stressigen Moment auf, indem ich vor lauter Taschen und Tüten keine Hand frei habe sie selbst zu öffnen. Ich wurschtele mich hindurch, versuche nichts fallen zu lassen und werfe dem netten Kerl ein dankendes Lächeln zu.

In dieser einen Sekunde, in der dich unsere Blicke treffen, fährt etwas durch mich hindurch und ich habe ganz plötzlich ein angenehmes Gefühl, da wo sich meine Bauchgegend befindet. Ich schaue ihm verträumt nach, während sich eine meiner Taschen verabschiedet. Aufgeschreckt sammle ich mein Zeug wieder auf und stürme weiter, dahin, wo ich eigentlich hinwollte.

Der Tag geht weiter und der klitzekleine Moment von eben ist auch schon vergessen. Inklusive des netten Kerls, der sich mir gegenüber wie ein Gentleman benommen und in mir was angestoßen hat. Wenn ich ihn nicht wiedersehe, werde ich mich wohl kaum noch an ihn erinnern. Denn es war nur ein Moment von tausenden an diesem Tag. Ein kleiner bunter Schimmer im grauen Alltag.

Genau das ist es, was uns allen andauernd passiert: Wir begegnen einer Person, die wir in irgendeiner Weise anziehend finden, die uns besonders zusagt und die aus der Menge an Menschen, die wir jeden Tag sehen, heraussticht. Manchmal durch eine bestimmte Geste, ein ansteckendes Lächeln oder einen betörenden Duft. Manchmal aber auch einfach nur durch eine bestimmte Ausstrahlung, eine besondere Art, die wir uns gar nicht genau erklären können.

Immer wieder im Laufe des Tages kreuzen wir die Wege mit Menschen, die uns mal mehr mal weniger zusagen. Und einige davon treiben uns sogar für einen Augenblick ein warmes Hochgefühl in unsere Herzgegend und lassen uns lächeln. Von anderen können wir für einen Moment sogar den Blick nicht abwenden. Es ist ganz normal, dass wir uns zu anderen Menschen hingezogen fühlen und auf der Suche nach Kontakt sind. Aber was passiert eigentlich nach diesem ersten „über einander stolpern“? War es das oder kommt da noch was nach?

Bei mir ist es so, dass ich diese Begegnungen tatsächlich öfter habe. Meist bekomme ich sie nur nicht bewusst mit, denn ich habe andere Dinge im Kopf. Niemand erwartet schließlich an der Kasse des Supermarkts einen total süßen Typen vor sich stehen zu haben oder auf dem Weg zur Arbeit beim Kaffeeholen einen charmanten Barista zu treffen, der den Kaffee mit einem extra netten Lächeln überreicht. Dabei kann das Aufeinandertreffen mit einem Menschen nicht nur rein zufällig, sondern vor allem sehr flüchtig sein. Oft sehe ich jemanden mir gegenüber auf der anderen Straßenseite an der Ampel warten und bin ein klein wenig verschossen. Der Mann gefällt mir einfach.

Aber bis auf einen winzigen Augenblick, manchmal mit einem netten Lächeln zwischen uns beiden, manchmal mit einem tiefen Blick in die Augen, manchmal nur mit einer Vorstellung davon, wie er wohl riechen mag, bleibt uns nichts. Der Moment verfliegt und der tolle Mann ist schneller vergessen, als ich „Hi“ sagen kann.

Aus den meisten zufälligen Begegnungen wird einfach nicht mehr, als genau das. Ein kurzer Moment, indem wir uns beide vorgestellt haben, wie es wäre, wenn. Und schon ist er verflogen und wir gehen wieder unserem gewohnten Leben nach.

Warum tun wir das? Oft merken wir ja sogar ein Gegeninteresse. Doch wir lassen die Sekunden einfach an uns vorbeiziehen, ohne diese Chance zu ergreifen. Vielleicht hätte es wunderbar gepasst. Wir werden es nie erfahren. Und vielleicht ist es auch gerade das, dieser kurze Flirt, die gedankliche Reise in eine Parallelwelt, in der wir es versucht hätten, es einfach getan hätten. Vielleicht macht gerade das den Reiz der Sache aus.

Die Flüchtigkeit des Moments. Und die Unantastbarkeit. Ein kurzes unkompliziertes Zuzwinkern, ein unverfängliches Lächeln. Sich etwas Aufmerksamkeit und Bewunderung abzuholen, ohne eine Ablehnung zu riskieren. Ich lasse nicht wirklich zu, dass der andere mich kennenlernt. Dafür stehen wir schließlich zu sehr auf Distanz.

Es ist ein Spiel auf ein paar winzige Sekunden beschränkt, die schnell vorbei sind und uns damit die Sicherheit geben, uns kurz in diesen Moment zu flüchten, bevor wir ihn wieder vergessen und weitermachen, als wäre nichts geschehen. Ein Kurzurlaub für das Herz.

Damit zu spielen ist schön und gut und es bereitet viel Freude. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass es sicherlich gesund ist für unser Herz, unsere Seele und unser Selbstbewusstsein. Aber warum lasse ich diese schönen kleinen Momente nicht mehr werden und versuche es einfach mal?

Okay, angenommen ich hätte den Mut dazu, müsste die Situation schon einmal weniger flüchtig sein. Im Vorbeigehen auf der Straße werde ich bestimmt niemanden ansprechen. Vielleicht eher in einem Café oder einem anderen ruhigen Ort, an dem sich nicht zu viele neugierige Zuhörer tummeln.

Außerdem, ist es nicht komisch jemanden nur einmal zu sehen und ihn gleich anzusprechen? Ich kenne diese Person doch gar nicht! Vielleicht macht sie einen ganz anderen Eindruck, als sie tatsächlich wäre, wenn wir einen Tee zusammen trinken würden. Naja, das werde ich wohl nie erfahren, denn ich entschließe mich lieber, diesen Tagtraum einen bleiben zu lassen und das Café zu verlassen.

Während ich mit meinem Kaffeebecher to go durch die Stadt laufe denke ich darüber nach, warum aus diesen Kurzflirts eigentlich so selten etwas Handfestes wird. Vielleicht ist es doch die Sache mit der Einmaligkeit. Vielleicht würde es etwas werden, wenn man sich öfter begegnen würde. Bei Freunden zum Beispiel. Ein Freundes Freund – so entstehen doch viele Beziehungen. Aber auch das will nicht richtig klappen bei mir. Ich ziehe es vor, mich nicht festzulegen.

Und trotzdem sitze ich so oft jammernd bei meiner besten Freundin auf dem Sofa und verfluche mich. Frage, was um alles in der Welt nur falsch mit mir ist, dass kein Kerl mich wirklich will und ich immer noch alleine bin.

Aber wenn ich mal ganz ehrlich mit mir bin, dann muss ich feststellen, dass ich nicht wirklich viel dafür tue, nicht mehr Single zu sein. Man denke an die Situation im Café. Aber auch, wenn ich schüchtern und zurückhaltend bin, kann ich mich für Möglichkeiten öffnen, anstatt vor ihnen davon zu rennen. Und oft bin ich einfach zu verschlossen. Meine Angst mich jemandem anzuvertrauen, mich zu binden und dann vielleicht enttäuscht zu werden, lässt mich diese spontanen lockeren Flirts vorziehen. Wenn es zu mehr kommt, mache ich mir selbst schon so einen Kopf, was alles Schreckliches geschehen könnte, dass aus der Beziehung gar nichts werden kann.

Ich muss also feststellen, dass ich selber schuld daran bin, dass ich zwar immer wieder Kontakt mit Männern habe, der aber sehr kurz und auf Distanz bleibt. Ich sollte mich wohl mal an mein Vertrauensproblem machen, herausfinden woher es kommt und mich ernsthaft damit beschäftigen. Und bis ich das geschafft habe, sind solche Gelegenheitsflirts an der Kasse am Supermarkt ja auch nicht schlecht. Hier findest Du meine Bücher (Hier klicken)

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