Wenn alte Wunden, dich langsam von innen heraus zerstören.

Written by: Gast

Published on: November 19, 2018

Es passiert so gut wie nie, dass ich gedankenverloren ich selbst sein kann. Ich bin nicht der Typ, der loslässt und „einfach mal chillt“. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ganz selbstverständlich abschalten und sich gehen lassen können.
Niemals vergesse ich mich zu kontrollieren, mein Umfeld immer genaustens im Blick zu haben und Herr der Lage zu sein.

Es ist eine Art Zwang, die mich schon begleitet, seit ich denken kann. Oft habe ich mir gesagt, dass das doch eine gute Angewohnheit ist. Dadurch bin ich wirklich auf Zack, bekomme immer alles mit und kann so auch höhere Leistungen erbringen, als jemand, der immer schläft.

Aber eigentlich habe ich mir selbst etwas vorgemacht, indem ich mir sagte, wie praktisch es ist, immer alles auf dem Schirm haben zu müssen. Denn es ist genau das: Ein Müssen. Ich kann gar nicht anders, auch wenn ich wollte. Nach einem anstrengenden Tag liege ich im Bett und kann kein Auge zu machen, weil sich in meinem Kopf noch hunderte Gedanken drehen. Wenn ich mich mit einer Gruppe von Leuten treffe, kann ich kaum entspannen, weil ich damit beschäftigt bin, alles zu überwachen.

Und abschalten während der Mittagspause oder sonstiger freier Zeit ist beinahe eine Qual, weil es mir einfach nicht gelingt.
Den ganzen Tag über analysiere ich jede Zuckung im Gesicht meines Gegenübers und versuche abzuschätzen, was sie bedeutet. Hat er gerade etwas Schlechtes über mich gedacht? Ist er unzufrieden mit mir? Habe ich etwas Falsches gesagt? Wirke ich vielleicht sogar lächerlich?

Solche Gedanken immerzu in meinem Kopf abzuspielen ist ganz schön anstrengend! Es raubt mir meine Energie, macht mich misstrauisch und schlecht gelaunt. Es ist einfach nur schlecht für mich. Aber woher kommt der ganze Mist? Ich habe mich nicht dafür entschieden, jeden Tag eine Qual für mich werden zu lassen. Warum geht es mir so, wo es auch Menschen gibt, die das ganze Gegenteil von mir sind. Was habe ich denn falsch gemacht?

Irgendetwas in mir zwingt mich dazu jederzeit über alles die Kontrolle zu behalten. Was ist es? Als mir aufgefallen ist, dass da etwas mit mir nicht stimmt, dass es doch nicht allen so geht wie mir, habe ich viel darüber nachgedacht. Ich habe mich selbst beobachtet: Wann geht es mir so? In welchen Situationen bin ich besonders angespannt? Ist es immer bei denselben Personen oder Gegebenheiten? Warum tue ich das? Welches Gefühl steckt dahinter?

Ich habe mir dann irgendwann Unterstützung bei dieser schwierigen Aufgabe geholt, weil ich einsah, dass das Ganze wohl ein viel größeres Thema ist, als ich allein begreifen kann. Denn die Wurzeln zu meinem Leid waren in meinem Inneren. Und so tief konnte ich ohne Hilfe nicht vordringen.

Mit Begleitung schaffte ich es schließlich mein Innerstes zu öffnen und ich bin auf Dinge gestoßen, die ich längst verdrängt hatte. All die Jahre trug ich tiefe Wunden in meiner Seele mit mir herum, die mich immer noch leiden ließen, weil sie nicht verheilt waren.

Ich hatte keine Ahnung gehabt, was da in mir schlummerte, deswegen konnte ich auch nicht begreifen, dass diese alten Verletzungen mit meinem Fühlen und Handeln heute zusammenhängen würden. Endlich hatte ich einen Anhaltspunkt und ich wollte unbedingt an ihm arbeiten.

Es war eine riesige Erleichterung, zu wissen, dass ich nicht mehr allein im Dunkeln herumstocherte, um herauszufinden, warum ich mich so elend fühlte und ständig alles beobachten musste.

Was ich nicht wusste: Der schwierigste Teil stand mir noch bevor. Nun ging es meinen alten Verletzungen an den Kragen und das war alles andere als angenehm. Denn sich mit unverheilten Wunden zu beschäftigen ist schmerzhaft und nicht einfach. Ich musste kämpfen und mich durchbeißen.

Ich erfuhr, welche Verletzungen mich geprägt hatten. Frühere Ungerechtigkeiten, die mir angetan wurden, Dinge, die schon ewig her waren, nagten immer noch an mir und hatten über die Zeit ein tiefes Loch in mein Herz gefressen. Manche dieser schlimmen Erlebnisse reichten bis in die Kindheit zurück, als ich mich noch nicht wehren und selbst einschätzen konnte, was richtig und was falsch war.

Diese Erfahrungen hatten mir ein schlechtes Bild von der Welt und besonders von den Menschen gegeben. Ich hatte durch sie gelernt, dass mir jederzeit wieder Ungerechtigkeit wiederfahren kann und dass ich mich in Acht davor nehmen muss. Seitdem wache ich mit Adlersaugen über jede Situation, damit ich vorbereitet bin, wenn etwas passieren sollte.

Ich habe gelernt zu misstrauen und immer auf der Hut zu sein, das Böse im Menschen zu erwarten. Aber diese Einstellung hat mich innerlich nur kaputt gemacht, denn sie macht verdammt einsam.

Andere Erlebnisse in meinem Leben hatten die frühen Erfahrungen noch bestätigt und mich noch mehr in Richtung Misstrauen und Abwehr gebracht. Es war ein einziger Kreislauf.

Mein Kopf war programmiert darauf, Schlechtes zu erwarten und zu erkennen und immer, wenn ich etwas Schlechtes wahrnahm, sagte er mir: „Aha, hab ich´s doch gewusst. Es ist richtig dich selbst zu schützen vor den bösen Menschen da draußen.“ So baute ich die Mauer um mein Herz immer höher und wurde immer einsamer und kontrollierender, was mich selbst total fertig machte.

Aber ich bearbeitete meine früheren Traumata, sodass ich diesen Teufelskreis erkennen konnte. Danach konnte ich ihn Schritt für Schritt durchbrechen. Es hat lange gedauert und ich war oft ziemlich am Ende. Aber die ganze Anstrengung und der Schmerz haben sich gelohnt!

Ich wurde mit viel Übung und Zeit zu einem neuen Menschen. Ich befreite mich nach und nach von meinen schlechten Denkweisen und meinen alten Überzeugungen. Ich versuchte die Dinge neu wahrzunehmen und zu bewerten. Langsam heilten so mein Herz und meine Seele.

Und die verheilten Wunden machten Platz für Neues und Gutes in meinem Inneren. Ich lerne nun immer mehr loszulassen und einfach ich zu sein. Ich bin zufrieden – mit mir, meiner Entwicklung und meinem Leben, so wie es geworden ist.

Es war höchste Zeit dieser Qual in mir auf den Grund zu gehen und sie zu verbannen, denn sie hatte nichts in meinem Leben zu suchen. Ich werde nicht länger für das leiden, was andere mir angetan haben.

Keiner sollte das! Deshalb: Wenn es dir auch so geht, dass dich Situationen belasten und du dir manchmal selbst im Weg stehst, wenn du nicht weiterkommst und dich einsam fühlst, dann rate ich dir: Geh das Thema an! Versuche herauszufinden, was dahintersteckt. Dir zuliebe. Denn du hast das beste Leben verdient, unbelastet und frei.