Jemandem im 21. Jahrhundert näher zu kommen, ist echt eine komplizierte Angelegenheit geworden. Weil jeder “Unnahbar” wirken will.

Ganz ehrlich: Wir sind alle Sklaven. Sklaven einer Vorstellung von Coolness, von Lockerheit und davon, ja nicht den Eindruck erwecken zu wollen, auf jemanden angewiesen zu sein.

Heute läuft es nicht mehr wie früher, zu Zeiten meiner Großeltern oder Eltern. Damals musste man vielleicht aufpassen nicht gleich nach dem dritten Date „Ich liebe dich.“ zu flüstern. Heute versucht man sich verzweifelt durch das gefährliche Minenfeld aus Fettnäpfchen zu manövrieren, dass sich jedes Mal auftut, wenn man jemanden mag.

Ja nicht zeigen, dass du ihn toll findest. „Drück jetzt bloß nicht ausversehen auf den Gefällt-Mir-Button.“, beschwöre ich mich, während ich sein Facebook-Profil durchstöbere.

Klar, ich will wissen, was er so macht, was er liked, mit wem er abhängt, wie er auf seinen Fotos aussieht. Aber mitbekommen soll er davon nichts. Ich will ja nicht wie ein Stalker rüberkommen. Am Ende denkt er noch, ich wäre irgendwie total verknallt in ihn oder so.

Jemanden im 21. Jahrhundert toll zu finden ist echt eine komplizierte Angelegenheit geworden. So viele Leute sind nur einen Mausklick entfernt und sofort erreichbar. Du kannst förmlich alles von ihnen sehen und an ihrem Leben teilhaben, Storys sei Dank. Bereitwillig postet jeder nahezu jeden seiner Atemzüge auf Insta, Snapchat, Facebook, Twitter. Und das alles öffentlich und für alle zugänglich.

Das heißt aber nicht, dass du einfach so seine Postings öffnen und liken kannst, wie es dir gefällt. Nein, hier ist eine Menge Feingefühl angesagt. Immerhin geht es im Netz darum zu sehen und gesehen zu werden. Zweites ist für unser Ego besonders wichtig.

Denn alle handeln nach der Devise: Möglichst viel Aufmerksamkeit erregen und damit zeigen wie toll ich doch bin, aber möglichst wenig Gegeninteresse bekunden.

Ich möchte schließlich nicht als angreifbar oder uncool wirken. Niemand soll sich hinter meinem Rücken mit seinen Freunden unterhalten und sagen können: „Ey, ich glaub die is voll in mich, stalkt mich andauernd.“. Bloß nicht zu viel Angriffsfläche bieten. Immerhin steht jederzeit eine Menge Ersatz bereit.

Je nach Followerzahl wird das ganze Spiel noch heikler. Das ist ja schon eine Klassengesellschaft geworden. Ähnlich wie mit den indischen Kasten, in denen man nicht aufsteigen kann, ist man auch an die Zahl, der Leute gebunden, die täglich verfolgen, was du gerade so postest. Auf Deutsch: Zeigst du dich nicht, wirst du nicht gesehen, bist du unwichtig, hast keinen Insta-Wert und bist somit auch nicht wirklich gutes Dating-Material.

Willst du heute also Daten und das mit Erfolg, befolgen alle das Prozedere der Unnahbarkeit, sich so weit wie möglich fern halten, dem anderen das Gefühl zu verpassen, möglichst unabhängig und desinteressiert zu sein und zu hoffen, dass er dir mehr entgegenkommt. Dann hast du ihn in der Hand – nicht andersrum.

Leute, merken wir eigentlich wie paradox das ist?!

Wie können wir erwarten, dass uns jemand entgegenkommt, den wir an der langen Leine lassen?! Und ganz ehrlich, wenn alle so denken, werden wir doch irgendwann aussterben! Habt ihr darüber schon einmal nachgedacht?

Ich habe dieses Spiel mit dem „Er muss sich nach einem Date zuerst melden oder wenn du gesagt hast, dass du dich meldest, warte mindestens drei Tage.“ so satt! Ich mache da nicht mehr mit. Was daraus entsteht sind doch nur total verkorkste Beziehungen, in denen jeder darauf bedacht ist, sich alle Optionen offen zu halten, den anderen stets im Ungewissen zu lassen und sich ja nicht wirklich zu binden.

So stelle ich mir eine Beziehung aber nicht vor. Ich möchte mich auf den anderen verlassen können. Ich möchte wissen woran ich bin. Und das werde ich sicher nicht, wenn ich diesen Zwang selber weiter mitmache, indem ich ihm ja nicht zuerst auf einer Sozialen Plattform folge oder mich zurückhalte ein tolles Bild von ihm zu liken.

Ich möchte eine ehrliche und offene Beziehung, also werde ich mich auch selber so geben, wenn ich date. Wenn mein Crush mich dann tatsächlich absägt, weil ich mich zu sehr für ihn interessiere oder mich geöffnet habe, dann will ich auch verdammt nochmal gar keine Beziehung mit ihm haben. Ich streike jetzt einfach was dieses unemotionale Daten angeht und verweigere dieses kindische Verhalten. Von wegen ich bin besser, weil ich unantastbar bin und du nie wissen wirst, was in mir abgeht!

Ich zeige mich!

Ich zeige mein Herz und meine Gefühle.

Ich zeige was in mir abgeht und ich zeige, wenn ich dich mag und dich wiedersehen will.

Ich zeige mich und dann finde ich hoffentlich jemanden, der das auch tut und mir zeigt, dass er mich will, unabhängig davon, wer mir wo folgt.

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